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Finn-Ole Heinrich Räuberhände Roman [mairisch 18] 1. Auflage, 2007 © mairisch Verlag 2007 www.mairisch.de Lektorat: Jan Oberländer, Daniel Beskos, Peter Reichenbach Umschlaggestaltung: Carolin Rauen | www.carolinrauen.com unter Verwendung eines Fotos von photocase.com | © b.sign Autorenfoto: Dylan Thompson | www.kamerakopf.de Satz: Peter Reichenbach Druck: Friedrich Pustet KG, Regensburg Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany ISBN 978-3-938539-08-8 Für: Bret, Fuhsti, Spring [Alle seine Sachen und alles, was von ihren noch zu gebrauchen war, ist in Kisten verstaut und in unserer Garage untergebracht. Meine Eltern haben mir geholfen. Neun Kisten, vierzehn Müllbeutel. Es hat knapp drei Stunden gedauert.] Meine Eltern lieben Samuel. Und er liebt sie. Wenn Samuel mich nervt, nenne ich ihn manchmal Adoptivkind, das ist sozu- sagen sein wunder Punkt. Seit Samuel und ich in einer Klasse sind, sind wir befreundet. Fast sieben Jahre jetzt. Und seitdem schläft Samuel fast jede Nacht bei uns. Er hat schon lange ein eigenes Bett in meinem Zimmer. Meine Eltern haben es ihm geschenkt. Natürlich haben sie mich vorher gefragt, ob das in Ordnung für mich ist, sie würden so etwas niemals über meinen Kopf hinweg entscheiden. Aber es ist nicht so, dass ich etwas dagegen hätte. Ich bin nicht eifersüchtig, Samuel ist mein bester Freund und wenn meine Eltern nicht mich gefragt hätten, hätte ich sie wahrscheinlich gefragt. Sie lieben Samuel, und sie haben ihn aufgenommen. Er ist ein Teil unserer Familie. Sie lieben ihn zum Beispiel dafür, dass er nach dem Essen mit den Händen die Krumen vom Tisch fegt. »Das macht sonst keiner«, sagen sie, wenn sie Freunden von Samuel erzählen, und sie mögen auch, wie Sa- muel seine Schuhe, diese scheißteuren Sneakers, die sie ihm geschenkt haben, vor der Tür abklopft und ganz gerade und exakt in den aufgeräumten, aber nicht zu aufgeräumten Flur meiner ordentlichen, aber nicht zu ordentlichen Eltern stellt. Das mögen sie. Wie er mit den Dingen umgeht. Wofür man Menschen lieben kann. »Und das bei seiner Sozialisation«, sa- gen sie, »das soll jetzt nichts heißen und überhaupt nicht ab- fällig klingen, aber zu erwarten und selbstverständlich sei das beileibe nicht.« Was sie nicht sagen wollen, ist, dass Samuels 5 Mutter Irene asozial ist. Sie ist eine Pennerin. Nicht so rich- tig, weil sie nicht wirklich auf der Straße lebt, sondern dank Samuel noch eine Wohnung hat. Aber sie ist arbeitslos und hängt den Tag über betrunken mit den richtigen Pennern rum. Meistens unter dem Baum vor dem Supermarkt. Da sit- zen sie und trinken Tetra-Pak-Wein und leben ihr asoziales Leben. Irene sieht kaputt aus, ausgezehrt. Ihre Wohnung liegt in der Wohnsiedlung am Stadtrand. Es ist müllig bei ihnen, ein wenig kann man den Pennergeruch riechen. Fast so, wie wenn sich ein Penner in der U-Bahn neben einen setzt. Aber Samuel stellt seine Schuhe ganz ordentlich und bedacht in den Flur meiner Eltern. Wer hätte das gedacht. Samuel ist überhaupt nicht eklig oder runtergekommen, er weiß, wie oft er duschen muss, er putzt sich dreimal am Tag seine Zähne und hat beim Essen beide Hände auf dem Tisch. Er ist mir eigentlich zu ordentlich, zu bedacht. Er kann an keinem Spiegel vorbeigehen, ohne den Sitz seiner Kleidung zu kontrollieren. Er macht jeden Morgen sein Bett. Er bügelt seine Hosen. Es gibt Dinge an Samuel, die verstehe ich nicht. Aber auf jeden Fall hat er nichts Asoziales an sich. Vor ein paar Wochen noch: Samuel und ich in Stambul. So nennen wir die Laube in unserem Schrebergarten seit ein paar Jahren. Ich habe es irgendwann mal mit alter Farbe auf einen Fetzen Stoff gepinselt und über der Tür angebracht: Stambul. Das Tuch hing dort ein paar Monate, färbte sich im Herbst moosig grün, saugte sich voll Wasser, lag irgendwann im Dreck und landete im Müll. Aber unsere Hütte, unser Garten heißt immer noch Stambul. Wir sind dauernd hier. Stambul, weil Samuel sich für einen Türken hält, seit er von seiner Mutter gehört hat, sein Vater sei angeblich Türke. Seitdem ist Samuel mindestens ein halber Türke, von einem 6 Tag auf den anderen. Mich wundert, dass er es nicht selbst etwas albern findet. Samuel zelebriert diese Türkennummer ganz schön, ich kann darüber lachen. Wir sitzen auf der rostigen Hollywoodschaukel vor Stam- bul und glotzen auf die Beete vor uns, die bald bepflanzt werden müssen. Samuel wischt sich einen Schwung brauner Locken aus dem Gesicht hinter die Ohren, grinst und hält mir eine Zigarette unter die Nase. So lernen wir für das Abi- tur. Sind nur noch einige Wochen. Ein paar Hunde kläffen, Rentner hacken Unkraut, irgendwo weiter hinten mäht einer seine mickrige Rasenfläche, hier und da klackern Deutsch- landfähnchen gegen ihre Masten. Etwa alle zwanzig Minuten donnert ein Zug über die Bahntrasse, die dem Kleingarten- verein nach Westen hin eine Grenze gibt. Samuel sagt, er wolle die

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