• Document: Lukács oder Plessner. Joachim Fischer. Alternativen der Sozialphilosophie im 20. Jahrhundert
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Joac h i m F i sc h e r Lukács oder Plessner Alternativen der Sozialphilosophie im 20. Jahrhundert 1 Georg Lukács: Geschichte und I. Lukács versus Plessner Klassenbewußtsein. Studien 1923 veröffentlicht der marxistische Sozialphilosoph Georg über marxistische Dialektik [1923], Neuwied/Berlin 1968. Lukács sein Buch Geschichte und Klassenbewußtsein, das mit dem Ka- 2 Helmuth Plessner: Grenzen pitel «Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats» der Gemeinschaft. Eine Kritik eine neue kritische Diagnostik der modernen Gesellschaft als ei- des sozialen Radikalismus nes in ihrer ‹Totalität› verdinglichten Lebenszusammenhanges of- [1924]. Mit einem Nachwort von Joachim Fischer, feriert.1 Zugleich umkreist es das Proletariat als die Umschlagsstel- Frankfurt/M. 2002. le, das diesen totalen Zusammenhang der «Menschenfremdheit» 3 Ferdinand Tönnies: bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse durch eine revolutionäre Gemeinschaft und Gesell- Sprengung des eigenen verdinglichten Bewusstseins in einen neu- schaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie [1887], en solidarischen Lebenszusammenhang verwandeln wird. Georg Darmstadt 2005. Lukács hatte unmittelbar zuvor als Volkskommissar für Unter- richtswesen in der kurzen ungarischen Räterepublik und als Poli- tischer Kommissar in der Roten Armee fungiert. Sein Buch von 1923, das die Gesellschaftstheorie der leninistischen Revolution von 1917 und die Möglichkeit von deren flächendeckender Fort- setzung in Mitteleuropa reflektiert, wird vor allem in seinem dia- gnostischen Teil – dem Theorem der «Verdinglichung» und der «Menschenfremdheit» der spätbürgerlich-kapitalistischen Gesell- schaft – der Leitfaden der «Marxistischen Arbeitswoche» von 1923 werden, an der Lukács (neben Karl Korsch) teilnimmt und die so etwas wie die Formationsstunde des Frankfurter Instituts für So- zialforschung darstellt. Die gesamte theoretische Grundlegung der Kritischen Theorie der Gesellschaft, der späteren Frankfurter Schule – vor allem auch bei Adorno und Marcuse – ist ohne dieses Lukács-Buch von 1923 nicht zu verstehen. Nur ein Jahr später, 1924, veröffentlicht der sieben Jahre jünge- re, bürgerliche Sozialphilosoph Helmuth Plessner seine Schrift Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik sozialen Radikalismus,2 in der er – unter Rekurs auf die Tönnies-Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft3 – erstmals und folgenreich im deutschsprachigen Raum eine systematische Umkehrung der Reihenfolge dieser Be- griffe vornimmt: Während bei Tönnies – und bei den Tönnies-Le- sern – die konkrete Gemeinschaft als die primäre Kernzone der menschlichen Sozialität gilt, demgegenüber die abstrakte Gesell- schaft eine sekundäre Sphäre bildet, ist Plessner zufolge umge- kehrt nicht die Gemeinschaft, sondern die Gesellschaft der erst- rangige Raum des Sozialen, das heißt die Gesellschaft als 59 Kommissar Lukács öffentlicher Raum, in dem Menschen sich im vermittelnden Me- 4 Plessner: Grenzen der dium der Masken, Rollen und Konventionen indirekt aufeinander Gemeinschaft, S. 49. beziehen können und voreinander verschonen, während Formen 5 Ebd., S. 51. der Gemeinschaft – die Familiengemeinschaft oder die wissen- 6 Siegfried Kracauer: Philoso- phie der Gemeinschaft [1924], schaftliche Sach- und Arbeitsgemeinschaft nachgeordnete Mög- in: Wolfgang Eßbach, Joachim lichkeiten direkter Bezugnahme von miteinander vertrauten oder Fischer und Helmut Lethen sachlich kooperierenden Menschen unter bestimmten, begrenz- (Hg.): Plessners ‹G

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