• Document: Annäherungen an Jesus aus exegetisch-historischer Perspektive
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Online-Texte der Evangelischen Akademie Bad Boll Annäherungen an Jesus aus exegetisch-historischer Perspektive Jens Schröter Ein Beitrag aus der Tagung: Das neue Sein Die Christologie Paul Tillichs Bad Boll, 9. - 11. April 2010, Tagungsnummer: 641210 Tagungsleitung: Wolfgang Wagner _____________________________________________________________________________ Bitte beachten Sie: Dieser Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers/der Urheberin bzw. der Evangelischen Akade- mie Bad Boll. © 2010 Alle Rechte beim Autor/bei der Autorin dieses Textes Eine Stellungnahme der Evangelischen Akademie Bad Boll ist mit der Veröffentlichung dieses Textes nicht ausge- sprochen. Evangelische Akademie Bad Boll Akademieweg 11, D-73087 Bad Boll E-Mail: info@ev-akademie-boll.de Internet: www.ev-akademie-boll.de Annäherungen an Jesus aus exegetisch-historischer Perspektive Jens Schröter I. „Historischer“ und „erinnerter“ Jesus1 Die Frage, wer Jesus „wirklich“ war, beschäftigt christlichen Glauben und theologische Forschung seit jeher. Mit der Entstehung der kritischen Bibelwissenschaft im 18. Jahrhundert trat dabei die Frage in den Vordergrund, welche Informationen über Jesus einer historisch-kritischen Prüfung der bibli- schen Texte standhalten. Dadurch wurde eine Differenz zwischen historischen Angaben und Be- kenntnisaussagen im Neuen Testament eingeführt, die es zuvor so nicht gegeben hatte. In der Konse- quenz entstand die Unterscheidung zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus des Glau- bens“. Diese begegnet – in der Sache, noch nicht in den Begriffen – zum ersten Mal im 18. Jahrhun- dert bei Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), der darum zu Recht als erster Vertreter der histori- schen Jesusforschung gilt. Reimarus unterschied die Verkündigung Jesu von der späteren Lehre der Apostel über einen leidenden, vom Tod auferstandenen und zum Gericht wiederkommenden Erlöser. Die Differenzierung zwischen historischem Jesus und geglaubtem Christus ist der produktive Beitrag und zugleich die Achillesferse der historischen Jesusforschung: Im Neuen Testament wird Jesus als Sohn Gottes verstanden, der, ausgestattet mit dem göttlichen Geist, in der Autorität Gottes gewirkt hat und nach seinem Tod von Gott auferweckt und in eine neue Machtposition eingesetzt wurde. Von dieser Überzeugung sind auch die Berichte über sein irdisches Wirken in den Evangelien geprägt. Unabhängig davon ist Jesus im Neuen Testament nirgendwo von Interesse. Gegen die historische Jesusforschung wurde deshalb immer wieder eingewandt, sie reiße auseinander, was untrennbar zu- sammengehört. Der für die weitere Entwicklung der Jesusforschung sehr wichtige Tübinger Theologe David Fried- rich Strauß (1808-1874) bezeichnete die Evangelien als „mythische“ Erzählungen, die die Idee der Einheit von Gott und Mensch in die Gestalt der „absichtslos dichtenden Sage“ gekleidet hätten. Eine scharfe Grenze zwischen Geschichtlichem und Ungeschichtlichem lasse sich bei ihnen deshalb nicht ziehen. Auf dieser Linie argumentierten später auch Martin Kähler (1835-1912) und Rudolf Bultmann (1884- 1976): Die Bedeutung Jesu sei nur in den christlichen Glaubenszeugnissen zugänglich, eine hiervon unabhängige Suche nach einem „historischen“ Jesus sei dagegen weder theologisch angemessen noch von den Quellen her überhaupt möglich. Albert Schweitzer (1875-1965) steuerte das Argument bei, die historische Jesusforschung habe in den Quellen vor allem ihre eigenen Vorstellungen wiederge- 1 Ausführlicher dazu: Jens Schröter: Jesus von Nazaret. Jude aus Galiläa – Retter der Welt (Biblische Gestalten 15), Leipzig 2006 (2. Auflage 2009), 12-66. Online-Texte der Evangelischen Akademie Bad Boll | www.ev-akademie-boll.de 1 Jens Schröter Annäherungen an Jesus aus exegetisch-historischer Perspektive funden, die Fremdheit und Abständigkeit der Lehre Jesu als eines jüdischen Apokalyptikers des 1. Jahrhunderts dagegen nicht ernst genommen. Die Einsprüche von Kähler, Bultmann und Schweitzer haben in der Jesusforschung tiefe Spuren hin- terlassen. Die Möglichkeit einer historischen Darstellung des Wirkens Jesu war durch sie grundsätzlich infragegestellt. Fortan konzentrierten sich die Jesusdarstellungen darauf, die „Verkündigung“ Jesu zu beschreiben, verzichteten dagegen auf eine historische Gesamtdarstellung seines Wirkens.2 Vor gut 20 Jahren wandte sich die neutestamentliche Wissenschaft, zunächst im angelsächsischen, dann auch im europäischen Raum der historischen Jesusfrage unter neuen Vorzeichen zu.3 In Abset- zung von früheren Etappen bezeichnete sich dieser Neuaufbruch selbst als „dritte Frage“ („Third Quest“) nach dem historischen Jesus. Seine Grundlage bildeten zwei Voraussetzungen, die zugleich als die entscheidenden Differenzpunkte zur vorangegangenen Forschungsphase fungierten: Zum ei- nen wurde die Behaupt

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